Leselust

Lust am Lesen!

Herzlich willkommen!

Der Sommer war heiß und trocken - und nun dürstet uns nach süffiger Literatur. Dieses Bedürfnis wollen wir gerne stillen: Der Herbst naht mit Riesenschritten und mit ihm viele wunderbare neue Bücher. Drei davon haben unsere Herzen erobert. Wir stellen sie Ihnen gerne hier vor.

Wir freuen uns auf Sie.
Ihr Leselust-Team

Alex Capus, Königskinder
Zwei wunderbare Liebesgeschichten

Im Alex Capus’ neuem Buch bleiben das Ehepaar Tina und Max mit dem Auto auf einem Schweizer Gebirgspass im Schneegestöber stecken. Sie hatten die Sperrung des Passes ignoriert, wollten die Abkürzung unbedingt nehmen. Doch nun ist klar: Kein Netzempfang, kein Räumdienst in Sicht. Sie kommen nicht mehr weiter, müssen die Nacht im eingeschneiten Wagen verbringen.

Um Ihnen die Zeit bis zum nächsten Morgen zu vertreiben, beginnt Max eine Geschichte zu erzählen. Sie spielt in derselben Gegend, im Greyerzerland, aber bereits im Jahr 1779. Der junge Kuhhirte Jacob lebt einsam hoch in den Bergen in einer Melkhütte, er versteht die Tiere besser als die Menschen. Doch eines Tages verliebt er sich in die Bauerstochter Marie. Es ist für beide Liebe auf den ersten Blick. Aber natürlich können die beiden nicht zusammenkommen, der reiche Vater ist dagegen. Da muss erst die Schwester des französischen Königs eingreifen.

Alex Capus versteht es hervorragend, die beiden Geschichten miteinander zu verweben, die Beziehung von Jacob und Marie in der von Tina und Max zu spiegeln. Gleichzeitig erfährt man viel Wissenswertes über das Leben und Sterben im vorrevolutionären Frankreich. Eine wunderbare Lektüre, die lange nachwirkt.

Roman, Hanser 2018. 187 Seiten. € 21,-

Francesca Melandri, Alle, außer mir
Eine fesselnde Familiengeschichte über drei Generationen und ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft

Im Mittelpunkt des Romans steht die vierzigjährige römische Lehrerin Ilaria Profeti, vor deren Haustür im Jahr 2010 eines Tages ein junger geflüchteter Äthiopier steht, der behauptet ihr Neffe zu sein. Dies zwingt Ilaria auf die Suche nach der tabuisierten Vergangenheit ihres mittlerweile dementen Vaters, der 1935 für Mussolini in Afrika tätig war. Seinen ersten afrikanischen Sohn, den Vater des Flüchtlings vor Ilarias Tür, hat Attilio Profeti nie anerkannt und immer vor seiner Familie verheimlicht.

Mithilfe von Perspektivwechseln und auf mehreren Zeitebenen entwickelt Melandri ihr Porträt Italiens, dessen verdrängte Kolonialgeschichte bis in die heutigen politischen Konflikte hineinwirkt. Und sie schildert sehr eindringlich das Schicksal der heutigen Geflüchteten und stellt eine Schlüsselfrage unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im »richtigen« Land geboren zu sein?

Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach 2018. 608 Seiten. € 26,-

Michael Ondaatje, Kriegslicht
Fünfundzwanzig Jahre nach »Der englische Patient« hat Michael Ondaatje ein neues Meisterwerk geschrieben.

Auch in diesem Roman spürt ein Sohn der geheimnisvollen Vergangenheit seiner Mutter nach. Sie war als Spionin im Kalten Krieg tätig.

Es beginnt damit, dass der vierzehnjährige Nathaniel nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit seiner Schwester Rachel von den Eltern in London zurückgelassen wird. Der mysteriöse Mann namens »Der Falter«, der sie in Obhut nimmt, und dessen exzentrische Freunde kümmern sich fürsorglich um sie. Wer aber sind diese Menschen wirklich? Und was hat es zu bedeuten, dass die Mutter nach langem Schweigen aus dem Nichts wieder zurückkehrt? »Meine Sünden sind vielfältig«, wiederholt sie, mehr gibt sie nicht preis. Zwölf Jahre später, nachdem die Mutter ermordet worden ist, beginnt Nathaniel anhand von Fakten, Fragmenten und Hypothesen all das aufzuspüren, was er in jener Zeit nicht verstehen konnte.

Roman. Aus dem Englischen von Anna Leube. Hanser 2018. 320 Seiten. € 24,-

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